Über
die dreifache Notwendigkeit der Kunst bei Nietzsche
„Der Weise ist ein Lebenskünstler“
(Epikur)
„Kunst
ist ein Lächeln, vielleicht das letzte Lächeln des Lebens“
(Lucian Blaga )
„ In der ganzen Philosophie bis heute
- sagte Nietzsche - fehlt überhaupt der Künstler. Unsere Religion
, Moral und Philosophie sind décadence –Formen des Menschen.“(zitiert
von T. Meyer S. 189). Diese Behauptung Nietzsches` spielt eine Hauptrelevanterolle
in seinem ganzen Denkraum, womit alle Nietzsche- Interpretationen , auf
irgend eine Art, beginnen können .
Nun versuchen wir, in erster Reihe, diese Behauptung, Schritt für
Schritt, langsam und deutlich zu beleuchten .Was heißt überhaupt
für Nietzsche, dass der Künstler in der ganzen Philosophie bis
heute gefehlt hat ? Möchte Nietzsche retrospektiv eine Korrektur
der ganzen Philosophiegeschichte machen ? Muss der Philosoph ein Künstler
sein? In welcher Weise und inwiefern meint er das ?
Als Anhaltspunkt der Interpretation nehmen wir das Problem des Fragments
und des Systems . Die ganze Philosophie bis Nietzsche ist, mit einigen
Ausnahmen, eine Parade der philosophischen Systeme, eine Parade des systematischen
Denkens, die in Hegels Philosophie ihre Kulmination gefunden hat . Welche
ist die Einstellung Nietzsches sozusagen in diesem Kontext. Nietzsche,
genau so wie die französischen Moralisten, benutzt als Ausdrucksform
seiner Ideen und Gefühle die Aphorismen, die lakonische Formulierung
. Der fragmentarische Denkstil ist für ihn charakteristisch, jedoch
ist das für unsere Analyse nicht ohne Bedeutung, denn das aphoristische
Charakter in Nietzsches Schreiben ist , unter anderem, eine Revolte gegen
die systematisch-diskursive Philosophie.
Das systematische Denken ist unwahr und artifiziell, aber auch lebensfeindlich,
denn es blockiert das normale Leben des Denkens und die Spontaneität
des Seiens. Während das System Geschlossenheit vermittelt, öffnet
sich das Fragment zum unendlichen Sinn. Schon aus diesem Grunde ist das
Fragment die dominante Ausdrucksform Nietzsches.
Wir müssen jedoch weiter entziffern um zu sehen, ob die Einstellung
Nietzsches nicht ein gnosseologisches, erkenntnistheoretisches Fundament
hat. „ Alles ist Interpretation“ lautet eine These seiner
Philosophie. Nun was soll das bedeuten ? Diese These, es ist einfach zu
bemerken, hat, wie der Großteil seiner Thesen überhaupt, einen
kritischen Sinn; sie soll dogmatische Behauptungen über das Wesen
der Welt demontieren . Nebenbei bemerkt, diese kategorische These lässt
eine interessante Parallele zur modernen Hermeneutik aufkommen.
Um die obengenannte Formulierung besser verstehen zu können, ist
es notwendig sie mit einer anderen Formulierung zu korrelieren, nämlich:
„Es gibt keine Wahrheit“. Im absoluten Sinn, müssen wir
als Ergänzung sagen, gibt es keine Wahrheit. Wenn es keine transzendente
und objektive Instanz gibt, die eine Vogelperspektive erlauben soll, dann
gibt es auch keine absolute und objektive Wahrheit. Es ist nach Nietzsche
unmöglich, einen Standpunkt einzunehmen, der die Möglichkeit
bietet alle Seiten eines Dinges zugleich wahrzunehmen . Das Wesen der
Dinge und die Welt zu verstehen, so wie sie an sich ist, ist für
unsere Erkenntnisweise unerreichbar . Alles was wir erreichen können,
ist ein perspektivisches Sehen . Den Wunsch, Zugang zu einem Ding an sich
zu erhalten,vergleicht Nietzsche mit dem Wunsch dessen, der sich köpfen
lassen will, um zu wissen, wie die Welt ohne dem Kopf aussieht . Anders
formuliert, gibt es, metaphysisch betrachtet, keine Wahrheit, denn alles
hängt im Grunde genommen von unseren Vorstellungen ab. In der alltäglichen
Verständigung und in der wissenschaftlichen Aufklärung gibt
es nur relative Wahrheiten, die natürlich eine nützliche Funktion
haben.
Der Effekt der radikalen Wahrheitskritik liegt also nicht in der Annullierung
von Wahrheit überhaupt, sondern in der Destruktion absoluter Ansprüche.
Und das ist bei Nietzsche wichtig zu verstehen.
Dieses sind die Gründe, warum es überhaupt nicht möglich
ist, systematisch zu denken. Doch Nietzsche weiß , dass das System
der illusionistische Versuch der Menschen ist, mit Hilfe der Logik die
an sich chaotische Welt in ein Ordnungsgefüge einzubinden und sich
damit die Welt verfügbar zu machen . Fragmentarisch zu denken und
zu schreiben ist eine natürliche und ehrliche Weise des Denkens.
„ Ich misstraue allen Systematikern, und gehe ihnen aus dem Weg
. Der Wille zum System ist ein Mangel an Rechtschaffenheit“ –
schrieb Nietzsche in einem Brief an Otto Eiser. ( Sämtliche Briefe
Band 6, S.6)
Welche ist die Beziehung zwischen Kunst und Philosophie aus der Perspektive
dieser Einstellung ? So wie M . Djuric gezeigt hat ( zitiert von T. Mayer)
identifiziert Nietzsche das Ziel der wahren Philosophie mit dem Ziel der
Kunst . Die „Philosophie will, was Kunst will, dem Leben und dem
Handeln möglichste Tiefe und Bedeutung geben“(M. Djuric)
So wie wir gezeigt haben, es gibt für Nietzsche keine Objektive Wahrheit,
alles ist Interpretation, so daß der Künstler-Philosoph analysiert
nicht, sondern er interpretiert nur mit Hilfe der Philosophie, er hat
überhaupt nicht zu sehen, er hat zu geben . In diesem Sinne ist Kunst
als Organon der Philosophie zu verstehen, und das bedeutet so wie T. Mayer
in seinem Buch über Nietzsche sagte(siehe Literatur):
1. Die neue Philosophie muß eine künstlerische sein, das heißt:
die Welt wird schöpferisch und nicht logisch, prinzipiell interpretiert
.
2. Der Künstler-Philosoph soll nicht erkennen, sondern schaffen .
3. Nicht kritische Analyse, sondern produktive Naivität macht das
Wesen des
Künstlers aus .
Dieses soll nicht heißen, daß Nietzsche nur als Künstler,
als Sprachschöpfer zu verstehen ist oder daß Nietzsches Schriften
nur eine Bedeutung für moderne Literatur haben, so wie manche Interpreten
behauptet haben. Nietzsche war ein exzellenter Stilist und seine künstlerische
Reflexionen sind selbst künstlerische Produktion .Die romantische
Idee, dass die Theorie des Kunstwerks selbst ein Kunstwerk sein müsse,
findet bei Nietzsche eine markante, man kann sagen historische, Bestätigung.
Kunst als Notwendige Lüge.
Warum ist Kunst eine Lüge, und inwiefern ist sie als Lüge notwendig?
Hier haben wir über die Relation von Schein und Sein , zugleich über
das sogenannte Problem der Maske zu diskutieren.
Damit wir Nietzsches Konzeption deutlicher ins Licht bringen können,
erinnern wir uns an das, was Heidegger über Kunst behauptet hat .
In seiner Kunstanschauung haben wir auch mit der Relation von Schein und
Sein zu tun . Für den Philosoph aus Freiburg ist das das Wesen der
Kunst : Sich- ins- Werk- setzen der Wahrheit des Seienden, anders gesagt
das Sein des Seiendes kommt in das Ständige seines Scheines. Im Gegensatz
zu dem, was Heidegger sagt, ist die Kunst bei Nietzsche auf keiner Weise
eine Offenbarung des Seins durch das Seiende. Das Kunstwerk soll nicht
das Wesen einer Sache offenbaren, sondern Erlebnisintensität provozieren
und das Lebensgefühl steigern. Während bei Heidegger das Kunstwerk
eine Ausdruck der Wahrheit ist, ist es für Nietzsche nur ein Schein,
ein propulsierender Schein. Alle Aussagen, alle künstlerische Formen
sind letztlich insuffizient um die Tiefe eines Phänomens zum Ausdruck
zu bringen. Alle Ausdrucksformen sind im Grunde genommen nur Zeichen,
und der Schein ist die Anwesenheit der Abwesenheit des Seins.
Was das Problem der Maske betrifft, hat Nietzsche folgendes zu sagen:
„Jeder tiefe Geist braucht eine Maske, mehr noch, um jeden tiefen
Geist wächst fortwährend eine Maske, dank der beständig
falschen, nämlich flachen Auslegung jeden Wortes, jeden Schrittes,
jedes Lebenszeichens, das es gibt“. ( 5-58 IGB).Die Kunst selbst
ist eine Maske, aber nicht in dem Sinne, das sich hinter ihr die Philosophie
als Wesen verbirgt, sondern in der Weise, dass Kunst überhaupt Schein
ist, ein ästhetischer Schein. Es ist wichtig zu verstehen, dass das
Motiv der Maskierung nicht eine Täuschung, sondern das Bewahren des
Wesens ist, und insofern behaupten wir: die Maske ist eine Form des Respektes
für die Tiefe im Allgemeinen. Mit dem Begriff des Scheins und der
Maske korrespondiert der Begriff der Lüge, der damit eine positive
Bedeutung erhält.
In dem Kontext der Relation von Schein und Sein spiegelt sich auch ein
relevantes Problem, nämlich das Problem der Umdrehung Platonismus
. Der Verbindungspunkt zwischen Plato und Nietzsche ist der: für
beide ist Kunst nur ein Schein. Der Unterschied zwischen diesen Philosophen
ist jedoch deutlich zu erkennen . Während der griechische Philosoph
die Welt der Kunst des Scheins überwinden und das Seiende selbst
entheillen wollte, will der deutsche Philosoph durch die Kunst und Kunstwerk
eine schöne Welt des Scheins erschaffen um dadurch die Welt als Wille
zu verbergen: „Je weiter ab von der wahrhaft Seienden, um so reiner
, schöner , besser ist es . Das Leben im Schein als Ziel.“(
7 ,156 – GM) . So können wir verstehen, dass Nietzsches Philosophie
ein umgedrehter Platonismus ist .
Wir sagten zum Beginn, dass Kunst eine notwendige Lüge ist, sie hat
sogar das Privileg eine Lebensnotwendigkeit zu sein.
Im Gegensatz zu der wissenschaftlichen Wahrheit, die, die Wirklichkeit
trostlos zeigt, erzeugt die Kunst Scheingebilde. Sie lügt die Wirklichkeit
um, um sie erträglich zu machen.
Nietzsche sucht die Kunst ontologisch und zugleich biologisch zu fundieren.
Biologisch gesehen ist Kunst und Kunstschafen als ein Überquellen
aus dem Übervollen zu verstehen. Kunst ist das Zeichen eines Mehr
an Kraft( so hat auch L. Blaga Nietzsches Theorie der Kunst interpretiert).
Der Kunstprozes eröffnet durch sich ein Mechanismus, der die Möglichkeit
bietet, das Gleichgewicht des Seins zu bewahren zugleich das Sein stetig
zu überwinden. Kunst ist eine Selbstüberwindung , und damit
kommen wir zum ontologischen Aspekt der Fundierung. Hinter allen Äußerungen
steht für Nietzsche der „unerschöpfliche zeugende Lebenswille“(Walter
Schultz).Und dieser Lebenswille ist der Wille zur Macht. Der Wille ist
nicht das Streben der Ohnmacht zur Macht hin, sondern bereits in sich
selbst Macht. Er bestimmt alles Lebendige, jedoch ins Menschen gewinnt
er eine besondere Gestalt, denn der Mensch hat durch seinen Wille (Kunst)
die Möglichkeit, über seine eigene Schöpfung immer hinaus
zu gehen im Sinne der Steigerung. Kunst und Wille zur Macht sind nicht
zu trennen, im Gegenteil beide implizieren sich gegenseitig, und in diesem
Sinne: als Stimulans des Lebens, ist Kunst eine notwendige Lüge.
Kunst als Rettung der Gegenwart. Zum Beginn nehmen wir das Wort Gegenwart
als die Gegenwart Nietzsches Zeit. Alles begann mit Sokrates, der den
Weg der grenzenlosen Theorie geöffnet hat, und dadurch den Beginn
einer Katastrophe. Nietzsche stilisiert Sokrates zum paradigmatischen
„Gegner des Dionysos“. Schlimmer als Sokrates ist nur noch
„ästhetische Sokratismus“, der sein oberstes Gesetz aus
der Gleichung zwischen Tugend und Wissen ableitet und sagt: „Alles
muß verständig sein, um schön zu sein“. Das ist
ein Skandal für Nietzsche, denn für ihn ist der Verstand eben
das Gegenteil der Kunst.
Die Macht des Rationalen findet ihre Kulmination in dem deutschen philosophischen
Idealismus( Kant, Fichte, Hegel). Sie ist Terror geworden, sie hat „den
Geist an die Kette einer Logik und Vernunft gelegt, deren Wesen Prostitution
heißt“(R. Resche). Die moderne Kultur bedarf der Schein nicht
mehr, sie negiert ihr eigenes Wesen, verzichtet auf den Schein der Dinge,
löscht die Differenz zwischen Wirklichkeit und Schein aus, marginalisiert
das Moment des Schutzes vor dem Wirklichen. Alles, sagt Nietzsche, ist
allzu theoretisch geworden, und der Begriff wird zum Tod der Metapher
werden. Der menschliche Fundamentaltrieb zur Metapherbildung müßte
durch Kunst reaktiviert sein.
„ . . . so kommen wir in eine Periode der Kunst, wie sie noch nie
nötig war und noch nie da war. Wir brauchen Kunst als Rettung ( .
. .) die Sicherheit im Unsicheren zu haben, den tragischen Gedanken leben
zu können“(KSA 1, S.453)
Der Moderne ist verantwortlich für den Tod der Kunst, und Menschen
ohne Kunst sind für Nietzsche undenkbar, wie Menschen ohne Raum und
Zeitvorstellungen. Durch seine Vernunftkritik sucht er das Erbe der Antike
und der Renaissance zu sichern. Doch in diesem Kontext kommt ans Licht
das Kontradiktorische bei Nietzsche. Und wie V. Gerhard sich gefragt hat,
wie paßt überhaupt Nietzsches metaphysischer Skeptizismus und
seine Destruktivität zu dem exaltierten Renaissancismen seiner Kulturphilosophie
und zu dem idealistischen Realismus seiner Lehre von Willen zur Macht.
Wenn es keine Wahrheit gibt, und wenn es stimmt, so wie Nietzsche meint,
daß der Mensch allein mit seinen Zielen ist, ohne Gott und ohne
irgendeine Transzendenz, woher kommt überhaupt das Pathos der eigenen
Aufgabe? Obwohl diese Frage verschiedene Antworten bekommen hat, bleibt
sie offen als Ressort und Handicap verschiedenen Interpretationen.
Nun fragen wir uns, in welcher Weise ist Nietzsches Kunstperspektive eine
Rettung für die heutige Situation. Heidegger und vor ihm Hegel sprachen
über eine „Kunst-losigkeit“ beziehungsweise über
das Ende der Kunst. Für Heidegger besteht das Ende der Kunst darin,
dass sie ihre Wesensbestimmung verloren hat. So ist Kunst oberflächlich,
eine Bewegung für sich selbst ohne Finalität und ohne Ziel geworden.
Ende der Kunst heißt nicht, dass es überhaupt keine künstlerischen
Produktionen gibt, sondern „Ende der höchsten Bestimmung der
Kunst“(Oelmüller).
Adorno spricht auch über ein Ende der Kunst, genauer gesagt, über
eine gesellschaftliche Isolierung der Kunst, über eine extreme Autonomie
der Kunst, aber auch über eine Funktionalisierung der Kunst . Die
Philosophie hat heutzutage, unter anderem, diese Aufgabe zu erfüllen,
nämlich zu verstehen , ob Nietzsches Gedanken eine Lösung für
die gegenwärtige Krise sind, oder sind diese Gedanken nur ein relevantes
Bild, das uns helfen kann, auf unsere Krise bewußt zu sein. Könnte
Nietzsche aus der Perspektive seiner Kunsttheorie eine aktuelle und helfende
Rolle spielen? Was heißt das überhaupt: Nietzsche ist aktuell?
Literatur:
Powerd
by
1.
Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, Insel Verlag, Frankfurt
am Main,1994
2.
Theo Mayer, Nietzsche. Kunstauffassung und Lebensbegriff, A. Francke Verlag,
Tübingen, 1991, S. 171 – 197
3. Roland Duhamel
und Erich Oger, Die Kunst der Sprache und die Sprache der Kunst, Verlag
Königshausen, Würzburg, 1994, S. 13 – 25 .
4.
Volker Gerhardt, Friedrich Nietzsche, Verlag C.H. Beck, München,
1992,
S. 82 – 93; 59 – 66.
5.
Günter Seubold, Das Ende der Kunst und der Paradigmenwechsel in der
Ästhetik,
Verlag Karl Alberg, Freiburg / München ,1997, S. 53 – 67
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