Lichtenberg.
Liebe, poetische Faselei?
„Freundschaft, Liebe und Pietät
sollten geheimnisvoll behandelt
werden. Man sollte nur in seltenen Momente davon reden, sich
stillschweigend darüber einverstehen. Vieles ist zu zart um
gedacht, noch mehr um besprochen zu werden.“
(Novalis)
„Wir müssen an die Liebe glauben. Und wenn sie eine
Enttäuschung ist, sollten wir der Geschichte der Welt die
Schuld geben“
(Julian Barnes)
Jede Theorie, um so mehr, wenn es um eine
Theorie der Liebe geht, ist relativ und subjektiv, und so muß
sie auch verstanden und behandelt werden. Es gibt keine einzige wichtige
Definition der Liebe, und selbst wenn es eine gäbe, könnte
man schwierig an sie glauben, denn die Liebe ist antitheoretisch und
antirationalistisch. Die meisten Philosophen sind sich dessen bewußt,
jedoch haben sie versucht die Liebe ans Licht der Vernunft zu bringen,
denn nichts ist provokanter, mental gesprochen, als das Geheimnis des
Todes und der Liebe. Das es so ist, zeigt uns die Philosophie und die
Literaturgeschichte von Platon bis Julis Evola, von Homer bis Bertolt
Brecht usw.
Woher kommt überhaupt das Gefühl der Liebe, welches ist ihr
Mechanismus? Gibt es überhaupt Liebe, und wenn ja, worin besteht
sie? Dieses sind Themen, über die Philosophen und Dichter nachgedacht
haben .
Hier beschäftigen wir uns mit Lichtenbergs Konzeption über
die Liebe, so wie sie in seinen Aphorismen und in seinem Aufsatz Über
die Macht der Liebe zu finden ist.
Der Text, den wir vor den Augen haben, ist ein Brief, dessen Adressantin
ist Frederike Baldinger, die Gattin Ernst Gottfried Baldingers.
Lichtenberg scheint kartesianisch zu beginnen, denn er liefert seinem
Leser (ich schreibe weder an Mann noch Weib, sondern bloß an eine
vernünftige Seele) die eigene Methode zu philosophieren. „Der
Mensch“- sagte er - „ist ein Wunder von Seltsamkeit, daß
ich überzeugt bin, es gibt Leute, die oft meinen, sie glauben etwas
und glauben doch nicht, die sich selbst belügen, ohne es zu wissen.“
Das tut der größte Teil der Menschen. Dieser Zustand hat
ihn mißtrauisch gegenüber sich selbst und noch mehr gegenüber
den Versicherungen anderer gemacht. Wir sind geneigt zu glauben, das
sei wahr, was wir oft bejahen hören und was viele glauben, ohne
daran kritisch zu denken, was wahr ist oder was wahr sein kann. Das
ist der Grund, warum wir skeptisch sein müssen. Es gibt nach Lichtenberg
keine größere Verstandesstärkung als Mißtrauen
gegen alle Meinungen der Menge. Mit anderen Worten gesagt, der Zweifel
ist als Ausgangspunkt seiner Theorie zu verstehen, jedoch ist dieser
Zweifel nicht wie bei Descartes absolut gemeint, denn „sagen oder
gar predigen muß man diesen Zweifelnicht
immer. In Religionssachen ist es das sichere Zeichen eines schwachen
Kopfs.“ Das Glauben bleibt also außerhalb des Zweifels und
wo es auf zeitliche Ruhe und Glückseligkeit ankommt, muß
man – so empfiehlt uns Lichtenberg –allgemein angenommene
Sätze so wenig ohne große Ursache ändern. Diese Situation,
nämlich daß das Glauben unberührt von Zweifel geblieben
ist, ist bei ihm irgendwie selbstverständlich. Es ist bekannt,
daß Lichtenberg ein tief religiöser Mensch war, und für
ihn war der Glaube an Gott Instinkt, so wie den Menschen das Gehen auf
zwei Beinen selbstverständlich ist. In diesem Punkt könnte
man natürlich fragen: ist die Liebe selbst nicht so wie der Glaube
ein Mittel, wodurch wir die zeitliche Ruhe bewahren können? Seit
Beginn der Menschheit wurde sie als Zuflucht und Trost behandelt. Außerdem
muß man sich dessen bewußt sein, daß die Liebe für
den Alltagsverstand ein Versprechen des Glücks sein kann, und jeder
geliebte Gegenstand ist - poetisch formuliert -der Mittelpunkt eines
Paradieses.
In welcher Relation stehen eigentlich Liebe und Glaube? Ist es möglich
zu glauben ohne zu lieben?
Nun, weil es um eine Theorie der Liebe geht, muß man sie kritisch
behandeln und fragen: worin besteht sie im Grunde genommen? Nach Lichtenberg
ist diese, die wichtigste Frage: „Ist die Macht der Liebe unwiderstehlich,
oder kann der Reiz einer Person so stark auf uns wirken, daß wir
dadurch in einen elenden Zustand geraten müssen, aus welchem uns
nichts als der ausschließende Besitz dieser Person zu ziehen im
Stande ist?“
Wenige sind diejenigen, die diese Frage ernstlich untersucht haben.
Sich fragen heißt außerhalb des Horizontes der Sicherheit
zu treten, und weil es bequemer ist, ohne den Zweifel zu leben, sind
die meisten geneigt zu glauben (nicht nur im religiösen Sinn des
Wortes), ohne den Glauben selbst in Frage zu stellen.
Was mich betrifft, ich würde sagen, daß die Macht der Liebe
darin besteht, daß sie die Macht der Vernunft in den Schatten
stellt. Das Herz als Organ der Liebe versichert das Glück eher
als die Vernunft als Organ der Philosophie sozusagen. Nicht das Wissen
selbst ist unser Ziel, sondern das Glück und die Lust, die wir
durch Wissen erreichen können sind das, wonach wir eigentlich streben.
Doch zur Lichtenbergs Antwort. Nach seiner Untersuchung behauptet er
mit völliger Überzeugung: „ die unwiderstehliche Gewalt
der Liebe, uns durch einen Gegenstand höchst glücklich oder
höchst unglücklich zu machen, ist poetische Faselei junger
Leute, bei denen der Kopf im Wachsen begriffen ist, die im Rat der Menschen
über Wahrheit noch keine Stimme haben.“ Hier ist nicht der
Zeugungstrieb gemeint, sondern die Tendenz derer, die an die Romantik
der Liebe glauben.
So wie wir noch sehen werden, vertritt Lichtenberg sozusagen eine prosaische
Konzeption über die Liebe im Vergleich zu dem, was zum Beispiel
Novalis über ihre Macht poetisch gemeint und formuliert hat. Lichtenberg
scheint sich jedoch dessen bewußt zu sein. „Man verteidigt
Liebe und verwirft Liebe, und eine Partei versteht dieses und die andere
etwas anderes.“
Der Prozeß der Aufdeckung geht langsam weiter und der Autor nimmt
eine kritische Position gegenüber allem, was mit der Liebe zu tun
hat, nämlich die Frauen oder die Mädchen wie er sagt. „Die
guten Mädchen haben die Ausdrücke Himmel auf der Welt, Seligkeit
womit manche Dichter die glückliche Liebe belegten, als ewige unwandelbare
Wahrheit angesehen.“ Diese Benennungen sind für ihn insofern
wahr, insofern war ist, daß Mädchen Göttinnen sind.
Logisch gesagt, es ist kein Wunder, daß er
die Mädchen zumindest theoretisch so behandelt hat. Wenn die Liebe
eine poetische Faselei ist, dann kann auch die Frau keine Göttin
sein.
Um seine eigene Position zu begründen, übernimmt Lichtenberg
die Einstellung der Griechen gegenüber Frauen. Seine Wahl ist natürlich
rein subjektiv zu verstehen. Die Griechen - sagt er - gleichen nicht
allein das weiseste und tapferste, sondern auch das wollüstigste
Volk auf der Welt, sie hielten wahrlich die Mädchen nicht für
Göttinnen, oder den Umgang mit ihnen Paradies oder ihre Liebe für
unwiderstehlich. „Ich danke dem Zeus, dass ich Mensch und nicht
Tier, dass ich Mann und nicht Frau bin“ - sagte Platon, und in
seinen Worten spiegelt sich die ganze Mentalität der Griechen gegenüber
Frauen. Die Frauen wohnten im Innersten des Hauses, kamen nicht in die
Gesellschaft der Männer, wodurch ihnen freilich aller Weg abgeschnitten
war. So was man häufig sagt „Herz verschenken, Gunst verschenken“
sind nur poetische Blümchen, denn kein Mädchen gibt ihr Herz,
sie verkauft es entweder für Geld oder Ehre, oder tauscht es gegen
ein anderes, wobei sie Vorteil hat, oder doch zu glauben hat.
Es könnte uns wundern, dass er die Frauen im theoretischen Horizont
diskreditiert hat, denn in seinem tagtäglichen Leben hat er sie
radikal anders behandelt. Von unendlicher Rücksicht getragen und
voll von Zärtlichkeit war Lichtenbergs Verhältnis zu den Frauen.
Für seine Mutter bewahrte er zeitlebens eine tiefe Verehrung; in
seiner Erinnerung gewinnt ihre Gestalt fast die Eigenschaften einer
Heiligen. Während seines Aufenthalts in England hat er das schöne
Blumenmädchen Maria Dorothea Steward kennengelernt, das kurz später
seine Freundin und der gute Geist seines Hauses geworden ist. Das tiefe
Glück jener Jahre läßt sich ermessen an der Erschütterung,
die Lichtender bei ihrem frühen Tode empfand. Wenige Jahre später
aber nahm er wieder ein Mädchen in sein Haus und ließ sich
einige Jahre später kirchlich trauen. So hatte er ein glückliches
Familienleben. Seine Haltung - sagt uns R. Trachsler - ist von Liebe
und Vertrauen bestimmt. Wie soll man diese Diskrepanz zwischen seiner
Theorie und seinem Leben verstehen? Man kann sich dessen bewußt
sein, dass die Liebe eine poetische Faselei ist, und trotzdem kann man
uns zärtlich und empfindlich benehmen, als wäre sie die einzige
Sicherheit in einer unsicheren Welt, das einzige Paradies das uns überhaupt
gegeben ist. Ein tragisches Glück. Diese Art zu sein könnte
als Schutzmechanismus verstanden werden.
Lichtenberg ergänzt das Porträt der Frauen mit folgenden Worten:
„ viele Männer halten das weibliche Geschlecht für so
schwach, eitel, leichtgläubig und eingebildet, daß sie alles
glauben, was man ihnen sagt, sobald die Macht ihrer Reize angeht. Diese
Männer, wenn man sie anders so nennen kann, irren sich aber gar
sehr“
Nun versuchen wir Lichtenbergs Position in Korrelation mit Schopenhauers
Theorie zu bringen. In seinem 44. Kapitel mit dem Titel „Metaphysik
der Geschlechtsliebe“ bezieht sich Schopenhauers selbst auf Lichtenberg:
„Alle reden von leidenschaftlicher
Liebe, aber keiner hätte sie gesehen; und
ebenfalls Lichtenberg in seinem Aufsatz Über die Macht der Liebe,
die
Wirklichkeit und die Naturgemäßheit jener Leidenschaft bestreitet
und
ableugnet; so ist dies ein großer Irrtum. Denn es ist unmöglich,
daß ein
der menschlichen Natur Fremdes und ihr Widersprechendes, also bloß
aus der Luft gegriffene Fratze“
Worin besteht eigentlich
Schopenhauers Theorie? Zunächst um alle Mißverständnisse
zu vermeiden, müssen wir ganz deutlich sagen, dass Liebe nach Schopenhauer
mit Sexualität verbunden ist, und nur insofern können wir
in diesem Kontext über Liebe diskutieren .Es handelt sich hier
um eine „ amour- passion“, wie Stendahl das nennen würde,
denn das Wesentliche und die Basis der Liebe ist nichts anders als nur
eine Befriedigung des Geschlechtstriebes, dessen Zweck aber nicht der
individuelle Orgasmus, sondern die Fortpflanzung der nächsten Generation
ist.
Gibt es in der Liebe überhaupt keine geistige Dimension? Ist sie
nur als pure Sexualität zu verstehen? Was für eine Rolle spielt
hier die Schönheit? Schopenhauer scheint kategorisch zu sein. Eine
Liebesbeziehung ist undenkbar ohne Sexualität. Wenn es eine freundschaftliche
Beziehung gibt, dann ist sie nichts anders als eine verdeckte Form der
Erotik zu verstehen, eine Sublimierung des Sexualinstinkts, wie später
Freud sagen wird.
Hinter allen Formen der Liebe steht unerschütterlich und unermüdlich
der Genius der Gattung, die einzige Instanz, die das ganze Spiel regiert.
Die Menschen, meint Schopenhauer, sind sich dessen nicht bewußt:
„Die Natur kann ihren
Zweck nur dadurch erreichen, dass sie dem Individuum
einen gewissen Wahn einpflanzt, vermöge dessen ihm als ein Gut
für sich
selbst erscheint, was in Wahrheit bloß eines für die Gattung
ist“
Schönheit? Ihre Funktion ist die sexuelle Attraktivität.
Wir finden unsere sexuelle Befriedigung speziell dort, wo es sich um
ein schönes Individuum handelt.
„Zunächst und wesentlich ist
die verliebte Neigung gerichtet auf Gesundheit,
Kraft und Schönheit, folglich auch auf Jugend; weil der Wille zuvörderst
den
Gattungscharakter der Menschenspecies, als die Basis aller Individualität,
darzustellen verlangt: Die alltägliche Liebelei geht nicht viel
weiter.“
So wie wir bemerkt haben,
glauben die beiden Philosophen nicht an die sogenannte romantische Liebe,
keiner redet von einer Nächstenliebe, oder irgendeiner anderen
Art von Liebe, sondern so Lichtenberg wie Schopenhauer haben vor Augen
mehr eine erotische Liebe. Der eine meint, die Liebe sei eine Dichtung,
der andere widerspricht dem, und nennt Gründe für eine wirkliche
Leidenschaft, doch im Grunde genommen sind sie benachbart.
Wir sind der Meinung, dass die Liebe nicht nur auf Sexualität reduziert
werden kann. Es gibt Formen der Liebe, es ist einfach beobachtbar, die
überhaupt nichts mit Sexualität zu tun haben: Liebe zu den
Eltern, Liebe zu nicht intimen Freunden, Liebe zu Gott usw. Freud würde
sagen, es scheint so zu sein. Natürlich, dass Sexualität in
einer Zweierbeziehung nicht wegzudenken ist, jedoch sind wir geneigt
zu sagen, dass sie nur eine Basis einer geistigen Konstruktion sein
soll, wovon eine relative Definition des Menschen möglich zu denken
ist. Fortpflanzung haben wir gemeinsam mit den Tiere, doch eine kritische
Distanz gegenüber diesem Phänomen der Liebe, die sich in einer
Theorie realisieren kann, ist das ontologische Privileg der menschlichen
Vernunft.
Liebe kann nicht definitiv erklärt werden, und nicht gelernt werden.
Intensität und Authentizität der Liebe hängen nicht davon
ab, ob wir imstande sind, sie zu erklären. In der Liebe gibt es
keine Prinzipien und Normen, sondern nur Gefühle, die mehr oder
weniger kontrollierbar sind, sie zu quantifizieren, ist unmöglich.
Die meisten Theorien,
die von der Liebe handeln, sind mehr deskriptiv als normativ, und selbst
wenn sie Normen darstellen, sie sind nicht im logischen Sinn des Wortes
zu verstehen, beispielsweise Erich Fromm in seinem Buch über die
Kunst des Liebens. Sagen wir es noch einmal; keine Theorie darf den
Anspruch haben objektiv zu sein, jede leidet darunter, daß sie
das Privileg einer Vogelperspektive nicht besitzen kann.
Christoph Lichtenberg,
Schriften und Briefe III, Carl Hanser Verlag, München 1990, S.
515
Christoph Lichtenberg,
Schriften und Briefe III, Carl Hanser Verlag, München 1990, S.
516
ebd. S. 516
ebd. S. 516
ebd.
S. 517
Reinhard Trachsler, Lichtenbergs` Aphorismen, Artemis Verlag, Zürich
1956, S.179 - 197
Christoph Lichtenberg, Schriften und Briefe III, Carl Hanser Verlag,
München 1990, S. 521
Artur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung, Könemman
1997, Band II, S. 704
ebd.
S. 714
ebd. S. 713
Literatur:
Powerd by
1.Christoph Georg Lichtenberg,
Schriften und Briefe III, Carl Hanser Verlag,
München 1990; S. 515- 522.
2.Trachsler
Reinhard, Lichtenbergs Aphorismen, Artemis Verlag, Zürich 1956;
S. 179-197.
3.Schopenhauer
Arthur, Die Welt als Wille und Vorstellung, Könemman 1997,
Band II; S. 703-733.
4.Ausgewählt
von Gerhard Schulz, Novalis über die Liebe, Insel Verlag
Frankfurt am Main und Leipzig 2001; S. 120.